Stuttgarter Zeitung

6/7 September 2025

Stuttgarter zeitung

Blütenträume

Zu kalt, zu hoch, zu dunkel für Blumen und blühende Gärten? Ganz und gar nicht. Duftende Rosen, Heilkräuter und Gärten im englischen Stil locken Bienen und Besucher in den Schwarzwald.


Von Dominika Bulwicka-Walz

Der Schwarzwald ist voller dichter Tannenwälder, dunkelgrün und kalt – so lautet die gängige Überzeugung. Umso überraschender scheint es, dass dort ausgerechnet sonnenverwöhnte Rosen gedeihen, Heilpflanzen Sonne tanken, um ihre Wirkung zu entfalten, bunte Blüten um die Wette strahlen und ein Englischer Garten zum Flanieren einlädt.

Auf 700 Höhenmetern, an einer eigenen Quelle gelegen, erwartet Besucher ein Garten im englischen Stil: Mit der angemessenen Stille und britischer Gelassenheit. Bereits die Fahrt zum The Moosbach Garden in Nordrach entschleunigt. Gezwungenermaßen: Die kurvige Straße, die zu einem versteckt gelegenen Haus auf 700 Meter Höhe führt, lässt keine Raserei zu.

Oben angekommen, eröffnet sich ein unfassbar schöner Blick ins Moosbachtal: Nadelbäume wohin das Auge reicht, dunkles Grün vor blauem Himmel. Hier oben ist die Luft frischer, das Licht intensiver. Die Stille wird nur unterbrochen von einem vorwitzigen Hahn, der auf sich aufmerksam macht.

Zur Begrüßung kommen die schwarz-weißen Border-Collies Luna und Cooper – wichtige Teammitglieder des Moosbach Garden. 2013 verliebten sich Thomas Huber und sein Ehemann Andrew Huber-Froud in das Haus in Nordrach. Das abgeschiedene Anwesen im Schwarzwald gefiel den beiden so gut, dass sie es ein Jahr später kauften. Damals war es von Weiden und Wiesen umgeben. Doch nicht mehr lange. Andrew gärtnert seit seinem 13. Lebensjahr. „Das ist gut für meinen Kopf und mein Herz“, sagt der gebürtige Brite. Die Leidenschaft für Gartenarbeit und den grünen Daumen gab er an Thomas weiter, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die englische Gartenkultur im Schwarzwald aufblühte.

Dabei sei der Garten gar nicht so geplant gewesen. Er habe sich einfach entwickelt, erzählt Thomas. Und tut es weiter, denn immer wieder kommen neue Ideen, und das kleine Paradies verändert sich stetig. Hier wird aus einer alten Gießkanne und einem Rohr ein kleiner Brunnen, dort schichten sich alte Dachziegel zu einem Mäuerchen. Blühende und duftende Rosen, lila Blüten des Schnittlauchs, die der gelernte Koch Thomas auch in seinen Speisen verwendet, ein blutroter Ahornbaum, Rittersporn und strahlendblaue Iris erfreuen das Auge. Die meisten Gäste im The Moosbach Garden suchen Entschleunigung und Stille. Die finden sie in den verwunschenen Winkeln des Gartens.

Baden-Baden ist die Stadt der Blumen. Präziser: die Stadt der Rose. Denn im Rosenneuheitengarten auf dem Beutig findet jährlich einer der weltweit wichtigsten Wettbewerbe statt. Prominent platziert, links vom Eingang treten die 143 Rosenneuheiten aus zwölf Ländern, darunter Südkorea und Neuseeland, gegeneinander an. Sie werden bereits im Winter des Vorjahres gepflanzt, und dann sind alle gespannt, welcher Züchter am Ende die goldene Rose mit nach Hause nehmen darf.

Aus der Not entstanden wurde der Wettbewerb 1952 ins Leben gerufen, um Baden-Baden für Touristen attraktiver zu machen. Nach den zermürbenden Jahren des Kriegs und Wiederaufbaus sollte die Welt wieder bunter und eine positive Stimmung vermittelt werden. Was eignet sich dafür besser als bunte Blütenträume? Die Badener Rosentage waren geboren mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer als prominentem Schirmherr.

Die Faszination für Rosen ist bis heute ungebrochen. Bei einem Rundgang durch den Garten wird schnell klar, warum das so ist. Kaum zu glauben, wie unterschiedlich Rosen sein können: Kletterrosen im zarten Rosa und Gelb schlängeln sich an Rundbögen hoch. Rosenbüsche mit unzähligen gelben Blüten und rosafarbene Knospen locken nicht nur geflügeltes Publikum an. Bienenfreundliche Rosen seien derzeit ohnehin sehr gefragt, berichtet Markus Brunsing, Leiter des Städtischen Gartenamts.

Die ideale Rose ist gesund, hat eine schöne Blüte und duftet betörend. Da der Duft eine hervorgehobene Rolle spielt, wird das farbenfrohe Spektakel auch in dieser Sonderkategorie ausgezeichnet. Eigens dafür reisen fünf Parfumeure aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz an und entscheiden darüber, wer den olfaktorischen Ehrenpreis bekommen wird. Die Bewertungen werden aber nicht nur der Fachjury überlassen. Auch das Publikum darf seine Lieblingsrose küren.

Ulrike Armbruster hat sich voll und ganz dem Pflanzenwissen verschrieben. Nahezu alles, was die 62-Jährige in ihrem Bauernhofgarten in Berghaupten hat, findet Verwendung, sowohl in der Küche als auch in der Hausapotheke. Prophylaxe statt Heilung ist das Lebensmotto der heute 62-Jährigen. Wissen, das ihr ihre Mutter vermittelt hatte. Und die sei mit 104 Jahren gestorben. Daher gilt für Armbruster: „Altes Wissen sollte bewahrt werden.“ Und so wandern Kräuter und Pflanzen auch im Alltag auf die Teller. Ihr Wissen zur Heilwirkung und Verwendung von Pflanzen teilt sie in Kursen und bei Hofführungen.

Dabei erzählt sie, wie sich die Nelkenwurzeln als Gewürz nutzen lassen, die Kohlblätter bei Prellungen helfen, wie man Essig mit Holunder und Rosenblättern verfeinert, wie selbst gemachte Salben mit Mädesüß gegen Rückenschmerzen helfen und wie viel Vitamine und Mineralien in Microgrün stecken. Damit ihre Pflanzen ihre ganze Heilkraft entfalten können, müsse der Garten möglichst natürlich gedeihen. Pflanzen sollten blühen, damit Bienen und dicke Hummeln sich austoben können. Und danach im Bienenhotel in einem Holzstapel ausruhen.

Schnecken, die an den Salat wollen, hält Armbruster freundlich mit Schafswolle fern, die sie über die Erde legt. Das Naturprodukt dient gleichzeitig auch als Dünger und speichert Wasser. Was im Laufe der Monate nicht verrottet, stibitzen im Frühjahr die Vögel, um ihre Nester damit auszukleiden. So haben alle was davon.

Bei Ulrike Armbruster haben Mensch und Tier ein kleines Paradies gefunden. So vielfältig wie der Schwarzwald selbst, so vielseitig und überraschend sind dort auch die Blütenträume. Manchmal versteckt, aber dann ist die Freude über die blühenden Preziosen umso größer.